Karrenspuren

(Cart Ruts, auch Schleifspuren oder Steinrillen)

Richtig wäre wohl Steinrillen, denn weder über Ursache und Zeitraum ihrer Entstehung noch über ihren Verwendungszweck gibt es gesicherte Erkenntnisse. Um so zahlreicher sind die Spekulationen, die von Verwitterung über Transportsysteme der Tempelerbauer bis zu Startbahnen außerirdischer Raumschiffe reichen.
Eine umfassende, auch gebietsübergreifende Untersuchung scheint noch nicht stattgefunden zu haben. Die Steinrillen scheinen sich teilweise über große Distanzen fortzusetzen, so z.B. auf dem Ta’Cenc–Plateau auf Gozo und zwischen Salina und Naxxar im Nordwesten Maltas. Die Untersuchung solcher Zusammenhänge sowie der Lage der Rillen zu Relikten der verschiedenen Epochen wird in Zukunft einige der Fragen klären.

Vorkommen

„Clapham Junction“: Zahlreiche Steinrillenpaare finden sich im Areal südlich des Flachbaus bis hin zur Höhle il-Kbir.

„Clapham Junction“: Zahlreiche Steinrillenpaare finden sich im Areal südlich des Flachbaus bis hin zur Höhle il-Kbir.

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Man findet sie überall auf Malta und Gozo auf jetzt kahlen, nicht mehr von Boden bedeckten Felsplateaus. Sogar auf der Felseninsel Filfla soll es sie gegeben haben. Nachdem die Insel unter britischer Herrschaft lange als Ziel für Schießübungen der Artillerie diente, ist davon leider nichts mehr nachzuweisen. 

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An einigen Stellen treten sie besonders zahlreich auf, am eindrucksvollsten ist sicherlich „Clapham Junction“ auf dem Plateau zwischen dem Landschaftspark Buskett Garden und den Dingli–Klippen an der Südküste der Hauptinsel. Der Name vergleicht die dortige Ansammlung von Rillen sehr anschaulich mit einem Rangierbahnhof in London.

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wichtigste Vorkommen von Karrenspuren auf Malta und Gozo

Malta:

  1. „Clapham Junction“: auf dem Ghar il-Kbir–Plateau zwischen Buskett Garden und Dingli–Klippen, überall in der großen Felsenfläche südlich des Flachbaues bis hin zur Höhle Ghar il-Kbir
  2. Naxxar Gap: am nördlichen Stadtrand von Naxxar auf dem Abhang der Großen Verwerfung (Great Fault), zwischen der Strasse nach Salina (Triq is-Salina) und dem Steinbruch, nordwestlich des Kreisverkehrs
    Diese Karrenspuren scheinen sich in Richtung Salina fortzusetzen, sie treten in dieser Richtung mehrfach zutage.
  3. Bingemma Gap: westlich der Strasse Rabat-Mgarr, ca. 500 m nördlich des Nadur-Turms
  4. Bidnija: gleich am Ortsausgang des Dörfchens, nördlich der Strasse nach Zebbiegh
  5. Busewdien: beidseits der Strasse von Mgarr nach Wardija (Triq Busewdien)
  6. „tal-Mensija-Cartruts“: mitten im Stadtgebiet von San Gwann, auf der Freifläche westlich der Hauptstrasse Triq tal-Mensia, südlich des Kreisverkehrs
  7. St. Georges Bay: an der nordwestlichen Ausbuchtung direkt am Ufer ins Wasser hinein verlaufend sowie an mehreren Stellen unter Wasser
  8. Ghar Dalam: westlich der Höhle bis hin zur Ausgrabungsstätte von Borg in-Nadur. Hier ist ein Archäologiepark geplant, der alle drei Sehenswürdigkeiten einschließt.
  9. Xemxija: mehrfach auf dem Plateau nördlich der Stadt, erschlossen durch den Xemxija-Geschichtspfad (Xemxija Heritage Trail)
  10. Nationalpark Il Majjistral: nördlich der Golden Bay

Gozo:

  1. Qala: östlich des Ortes auf dem Plateau nordöstlich der Badebucht Hondoq ir-Rummien
  2. Xewkija: südlich des Ortes, in dem Olivenhain Gnien Ta‘Blankas westlich der Pumpstation mehrere Paare
  3. „Ta’Lambert- Cart Ruts“: zwischen Xewkija und Ghajnsielem am Südrand des Hubschrauberlandeplatzes, durch den Bau des Heliports zu großen Teilen zerstört.
  4. Ta‘Cenc-Plateau: am südlichen Stadtrand von Sannat am Weg zu den Klippen sowie
  5. Ta‘Cenc-Plateau: Östlich des Hotels am Weg zur Badebucht ix-Xini, beim Megalithtempel Borg l’Mramma und östlich davon mehrfach auf beinahe 1 km Länge
  6. Dwejra: oberhalb des Azur- Fensters (Azur Window) auf dem Felsrücken, der den Inland Sea vom Meer trennt

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Beschreibung

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Es handelt sich um in den Kalksteinboden eingetiefte, paarweise verlaufende Rillen, die sich an einigen Stellen auch verzweigen bzw. zusammenlaufen. Damit erinnern sie tatsächlich am ehesten an Gleise und Weichen.

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Sie bilden Kurven ...

Sie bilden Kurven …

... und „Weichen“.

… und „Weichen“.

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Der Querschnitt der Rillen ist U- oder V- förmig, die Spurweite beträgt zwischen 110 und 140 cm, die Eintiefung wird meist mit 8 bis 15 cm, in Ausnahmefällen bis max. 60 cm angegeben. Allerdings beträgt die Eintiefung z.B. auf dem Clapham Junction-Plateau überwiegend 30-50 cm. Auch die Breite der Einzelrillen ist sehr unterschiedlich, auf dem Clapham Junction-Plateau beträgt sie meist 35-40 cm, auf dem Xemxija-Geschichtspfad (Xemxija-Heritage Trail) dagegen eher 8-12 cm.
Es muß allerdings berücksichtigt werden, dass gerade diese Merkmale durch jahrhundertelange Erosion sowie durch unterschiedliche Abnutzung stark verändert sind.

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Xemxija-Geschichtspfad: die Steinrillen auf dem Plateau oberhalb der Stadt sind manchmal kaum zu erkennen ...

Xemxija-Geschichtspfad: die Steinrillen auf dem Plateau oberhalb der Stadt sind manchmal kaum zu erkennen …

... und manchmal deutlich ausgeprägt.

… und manchmal deutlich ausgeprägt.

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Datierung

Verschiedene Quellen setzen das Auftreten der Steinrillen in Beziehung zu Megalith-Tempeln, bronzezeitlichen Siedlungen oder frühzeitlichen Steinbrüchen. .

Die deutliche Terrassierung des Hanges wird auf antiken Steinbruchbetrieb zurückgeführt.

Die deutliche Terrassierung des Hanges wird auf antiken Steinbruchbetrieb zurückgeführt.

Eine Erklärungstafel der staatlichen Museumsverwaltung Heritage Malta auf dem Clapham Junction-Plateau

beschreibt den Steinbruchbetrieb der „phönizisch-punisch-römischen“ Epochen wobei die Steinrillen als Spuren sowohl der Steinentnahme als auch des Abtransportes angesehen werden. Deutlich sind im Gelände und auch im Satellitenbild Terrassierungen zu erkennen, deren Abmessungen mit ca. 140 cm Breite und 40-50 cm Tiefe denen der in punisch-römischer Zeit verbauten Steinblöcke entsprechen.
Andere Theorien datieren die Steinrillen in die Bronzezeit, weil sie an verschiedenen – ebenfalls nicht konkret aufgezeigten – Stellen von punischen (oder doch phönizischen?) Schachtgräbern geschnitten werden.
Aber warum sollten die Rillen nicht zu völlig verschiedenen Zeiten entstanden sein oder die „phönizisch-punisch-römischen“ Steinbrüche nicht bestehende ältere – bronzezeitliche oder sogar neolithische – fortgeführt und erweitert haben? Tatsächlich ist eine Datierung der Rillen weder labortechnisch noch stratigrafisch möglich, da ihnen weder organische Ablagerungen noch datierbare Schichtenfolgen der Umgebung zeitlich eindeutig zugeordnet werden können.

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Wie auch andere Bodendenkmale sind schon etliche Steinrillen durch Überbauung zerstört worden.

Wie auch andere Bodendenkmale sind schon etliche Steinrillen durch Überbauung zerstört worden.

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Entstehungstheorien

Die natürliche Entstehung paralleler, gerader Risse entlang von Klüften im Gestein erscheint grundsätzlich möglich. Eine einfache geologische Untersuchung, d.h. ein Vergleich mit den vorhandenen Kluftrichtungen sowie Feststellung der Fortsetzung der Risse in die Tiefe, kann da schnell Klarheit schaffen. Für im Bogen, also quer zu jeglicher geologischen Struktur, und auch noch paarweise verlaufende Rillen sowie für „Weichen“ scheint jede natürliche Entstehung unwahrscheinlich.

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Verschiedene Quellen sprechen – ohne konkrete Beispiele aufzuzeigen – von Bearbeitungsspuren und gehen davon aus, dass die Rillenpaare bewußt in den Felsengrund geschlagen und erst später durch Abnutzung und Erosion unterschiedlich tief eingetieft wurden.
Über die Art der Fahrzeuge gibt es ebenfalls zahlreiche Theorien, wobei Schlittenkufen oder Stangenschleifen wegen zu enger Kurvenradien meist gleich wieder ausgeschlossen werden. Konkrete Maßangaben zu diesen Kurvenradien sowie Angaben zur Auffindung der Beispiele vor Ort fehlen allerdings in den entsprechenden Publikationen. Auch Karrenräder als Verursacher werden wegen der Kurvenradien oft ausgeschlossen: Spurtiefen von 60 cm setzen Raddurchmesser von über 120 cm voraus, was wiederum nicht mit den Kurvenradien korrespondiert …
Wenn diese Maximalwerte tatsächlich Ausnahmen darstellen, lassen sich sicherlich Erklärungen finden, chemische Erosion durch Ansammlung saurer Bodenbestandteile in bereits vorhandenen flachen Rillen im Kalkstein wäre z.B. denkbar.

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Interessant ist auch die „Kugeltheorie“, nach der die Steinrillen als Führungen für Steinkugeln dienten, auf denen Lasten wie z.B. Steinblöcke transportiert wurden. Wenn die ägyptischen Pyramidenbauer ihre Lasten auf Holzrollen bewegten, warum soll man sich im weitgehend baumlosen Malta nicht mit Steinkugeln beholfen haben, die dann allerdings eine Führung brauchten? Das Vorhandensein unpassender, weil zu großer (Durchmesser 20-25 cm) und zudem noch unrunder Steinkugeln in verschiedenen Megalithtempeln schließt nicht aus, dass es weitere, zu den Rillen passende, runde Kugeln gab.
Keine der Theorien erklärt allerdings warum keine Trittspuren der Zugtiere zwischen den Rillen erhalten sind!