Archäologisches Nationalmuseum

(National Museum of Archaeology, in Valetta)

Das Museum ist in der Auberge der Provence untergebracht.

Das Museum ist in der Auberge der Provence untergebracht.

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Das Gebäude

Das Museum ist in der Auberge der Provence, also dem ehemaligen Quartier der provenzalischen Landsmannschaft des Johanniterordens, untergebracht. Das Gebäude war 1571, also gleich nach dem Umzug der Ritter von Birgu in die neue Hauptstadt Valletta, durch den maltesischen Stadtarchitekten Gerolamo Cassar (1520-1586) gebaut worden. Die heutige Fassade wurde allerdings erst 1638 anläßlich eines Umbaus gestaltet.
Typisch für die Stadt-Palazzos der damaligen Zeit sind die das Eingangsportal flankierenden Ladenräume sowie der hallenartige, Piano Nobile genannte Raum, der sich über die gesamte Frontseite des Obergeschosses erstreckt. Er diente den Ordensrittern für Festbankette ebenso wie für Empfänge oder Geschäftsabschlüsse und war entsprechend repräsentativ ausgestaltet. Erhalten sind die reich geschnitzte und bemalte Kassettendecke und die vollständige Wandbemalung.
Heute kann der Saal für diverse Veranstaltungen, wie Konferenzen o.Ä. gemietet werden oder er wird für Wechselausstellungen genutzt. Zumindest fallweise werden dafür leider sehr unsensibel Einbauten vorgenommen, die den Blick auf die Wandmalereien verdecken und die Wirkung des Raumes völlig zerstören, anstatt sie in die Gestaltung der Ausstellungen einzubeziehen.
Auch ist vor Ort leider keine Information über das Gebäude, die ursprüngliche Raumnutzung durch die Ordensritter usw. zu bekommen.

Geschichte

Nach der Okkupation durch Napoleon 1798 und der Vertreibung der Johanniter ging der Palast – wie auch der sonstige Besitz des Ordens – in französische und ab 1800 in britische Verwaltung über. In dieser Zeit diente er u.A. als Kaserne, Hotel und ab 1824 als Sitz des exclusiven Malta Union Club, der nur für Mitglieder zugänglich war.
1955 wurde das Gebäude an das Maltesische Nationalmuseum übergeben, das dann 1958 feierlich eröffnet wurde. Es umfaßte damals neben der Archäologischen Sammlung auch die Kunstsammlung und die ethnografische Sammlung. Aufgrund des rapiden Anwachsens mußte die Sammlung später geteilt werden. Die Kunstsammlung wurde in das Admiralshaus in der South Street überführt und 1974 als „Nationalmuseum der Schönen Künste“ eröffnet, die ethnografische Sammlung ist heute im St. Josephs-Oratorium (La Valette Museum) in Birgu zu sehen und die in der Auberge der Provence verbliebene Archäologische Sammlung wird nunmehr als Archäologisches Nationalmuseum“ weitergeführt.
Ab 1996 wurde das Gebäude gründlich renoviert und gleichzeitig die Ausstellung völlig neu konzipiert, bevor das Museum 1998 wiedereröffnet werden konnte.

Die Sammlung

Die archäologische Sammlung entstand als der Nestor der maltesischen Archäologie, Sir Themistokles Zammit (1864-1935), die zahlreichen Funde seiner erstmals systematisch betriebenen Ausgrabungen gewissenhaft archivierte, untersuchte und wissenschaftlich auswertete. So sind beispielsweise die wunderbaren Steinreliefs aus Tarxien dank ihrer sofortigen Verbringung in geschlossenen Räume bis heute sehr gut erhalten. Dagegen demonstrieren die am Fundort aufgestellten Kopien, was unter Einfluß der Witterung vor Ort passiert wäre und anderenorts mit den ungeschützt am Fundort belassenen Stücken auch passiert ist.
Auch Stücke aus dem Besitz des Johanniterordens bzw. einzelner Ritter, so z.Bsp. des Grossmeisters de Rohan (1775-97), gingen in die Sammlung ein.
Die Sammlung war bereits seit 1904 als Museum der Öffentlichkeit zugänglich, seit 1920 befand sie sich im Gebäude der Auberge Italiens und seit 1958 hier in der Auberge der Provence.

Die gegenwärtige Ausstellung

Die Sammlung des Museums ist ein Schatz von weltweiter Bedeutung. Sie enthält beispielsweise Fundstücke aus der Bronzezeit und der phönizischen Epoche, die anderenorts werbewirksame Vorzeigestücke wären. Hier aber stehen sie im Schatten der wirklich herausragenden Zeugnisse der maltesischen Tempelkultur.

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Modell der Tempelstätte von Hagar Qim

Modell der Tempelstätte von Hagar Qim

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Die Ausstellung im Erdgeschoß ist der neolithischen Epoche (ca. 5200-2500 v. Chr.) Maltas einschließlich der berühmten maltesischen Tempelkultur (3.600 – 2.500 v.u.Z.) gewidmet.
Anhand von Bildtafeln, Tempelmodellen und vieler Originalfundstücke werden die unterschiedlichen Phasen dieser 2.700 Jahre währenden Epoche in ihren einzelnen Bereichen wie Siedlungsreste, Handwerk, Kultstätten, Begräbnissitten usw. veranschaulicht.

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Die Zeit vor den Tempelbauten (Ghar Dalam-, Skorba- und Zebbug-Phase 5.200 – 3.600 v.u.Z.) wird durch Fundstücke aus Skorba und aus den Felsengräberfeldern von Zebbug dokumentiert. Man findet charakterische Keramikgefäße der Grauen und Roten Skorba-Phasen, die Skorba-Figurinen, denen als älteste Menschendarstellungen Maltas besondere Bedeutung zukommt, sowie die Rekonstruktion eines Felskammergrabes. Auf Schautafeln wird der aktuelle Wissensstand über die Besiedlung, die Entwicklung der Landwirtschaft und die Entwicklung der Felskammergräber bis zu ihrem späteren Höhepunkt, den unterirdischen Begräbnis“tempeln“ – den Hypogäen von Hal Saflieni und Gozo – dargestellt.

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Der „Pflanzenaltar“ aus Hagar Qim mit dem für die Saflieni-Phase charakteristischen Lochdekor. Auf allen vier Seiten findet sich ein eigentümliches Muster, das an eine aus einem Kübel wachsende Pflanze erinnert.

Der „Pflanzenaltar“ aus Hagar Qim mit dem für die Saflieni-Phase charakteristischen Lochdekor. Auf allen vier Seiten findet sich ein eigentümliches Muster, das an eine aus einem Kübel wachsende Pflanze erinnert.

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Glanzstücke der Sammlung sind selbstverständlich die Hinterlassenschaften der weltweit einzigartigen maltesischen Tempelkultur. Ausgestellt sind vor allem Ausstattungsstücke aus den Tempeln, so das Original des „Pflanzenaltars“ aus Hagar Qim mit dem für die Saflieni-Phase charakteristischen Lochdekor. Auf allen vier Seiten findet sich ein eigentümliches Muster, das an eine aus einem Kübel wachsende Pflanze erinnert. Die schalenartige Deckplatte des Altars wird als Gefäß für Opfergaben, evtl. sogar zum Auffangen von Opferblut interpretiert.

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Die Spätzeit der Tempelkultur, die Tarxien-Phase (2.800 – 2.500 v.u.Z.) repräsentieren die Funde aus Tarxien: kunstvoll in Stein geschnittene Spiral- und Tierreliefs, das Fragment einer Monumentalskulptur (sogenannte „Große Mutter“ auch „Magna Mater“) und der geheimnisvolle Altar aus Tarxien. Im spiralverzierten Sockel dieses Trilith-Altars fand man hinter einem halbkreisförmigen, genau in das Muster eingepaßten Verschlußzylinder eine lange Feuersteinklinge, Tierknochen, Keramikscherben, einen Knochenspatel und Feuersteinsplitter. Die Funde werden als Utensilien für Tieropfer interpretiert.

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Außer mit komplizierten Spiralmustern waren die Altäre von Tarxien mit realen Tierdarstellungen von Ziege, Schaf und einem Schwein verziert.

Außer mit komplizierten Spiralmustern waren die Altäre von Tarxien mit realen Tierdarstellungen von Ziege, Schaf und einem Schwein verziert.

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Welchen Gott oder Priester stellt wohl diese Monumentalskulptur aus Tarxien dar? Bekannt ist sie als «Magna Mater».

Welchen Gott oder Priester stellt wohl diese Monumentalskulptur aus Tarxien dar? Bekannt ist sie als «Magna Mater».

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Der Altar aus Tarxien (hinten rechts): Im spiralverzierten Sockel fand man hinter einem in das Muster eingepaßten Verschlußzylinder eine lange Feuersteinklinge, Tierknochen, Keramikscherben, einen Knochenspatel und Feuersteinsplitter. Utensilien für Tieropfer?

Der Altar aus Tarxien (hinten rechts): Im spiralverzierten Sockel fand man hinter einem in das Muster eingepaßten Verschlußzylinder eine lange Feuersteinklinge, Tierknochen, Keramikscherben, einen Knochenspatel und Feuersteinsplitter. Utensilien für Tieropfer?

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Eine andere Gruppe von Fundstücken bilden die zahlreich in den Tempeln aufgefundenen charakteristischen Plastiken.
Berühmt ist die „Schlafende Dame“ aus dem Hypogäum von Hal Saflieni. Die ca. 12 cm lange Tonfigur mutet unglaublich modern an und ist meisterhaft gearbeitet. Dankenswerterweise wird das Fundstück durch Fotografien aller Seiten einschließlich der Unterseite ergänzt. Die „Dame“ ist in Seitenlage auf einer Art Ruhebett dargestellt. Weniger bekannt sind zwei „Schlafende Männer“ auf ebensolchen Ruhebetten. Sie sind in Bauchlage bzw. mumienartig umhüllt dargestellt, so dass sie, wie die meisten Skulpturen des Tempelstiles, nicht eindeutig als weiblich bezeichnet werden können.
Die „Schlafende Dame“ ist das vollkommenste Beispiel des Tempelstiles, also des Kunststiles der Tempelepoche, der menschliche Figuren mit korpulenten Körpern und Gliedmaßen sehr typisiert darstellt. Das veranschaulichen auch andere Stein- und Tonfiguren, so das Fragment der sogenannten „Grand Mater“ aus Tarxien, die sitzenden Figuren ohne Kopf aus Hagar Qim u.A.

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Diese stilisierten korpulenten Figuren aus Hagar Qim repräsentieren den charakteristischen Tempelstil.

Diese stilisierten korpulenten Figuren aus Hagar Qim repräsentieren den charakteristischen Tempelstil.

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Völlig anders ist die kleine Statuette der „Venus von Malta“ aus Hagar Qim. Ihr Körper weist natürliche Proportionen auf und ist sehr realistisch – man beachte insbesondere die Rückseite – modelliert.
Weitere ungewöhnliche Stücke sind das „Sich umarmende Paar“, eine vergleichsweise grobe Kleinplastik aus Tarxien und ein winziges „Tempelmodell“ aus Ta’Hagrat. Letzteres ist ein wichtiger Anhaltspunkt in der Diskussion darüber, ob und wie die Tempel einst überdacht waren.

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Dagegen ist die kleine Statuette der „Venus von Malta“ sehr realistisch modelliert und weist natürliche Proportionen auf.

Dagegen ist die kleine Statuette der „Venus von Malta“ sehr realistisch modelliert und weist natürliche Proportionen auf.

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Weitere Ausstellungsstücke sind zahlreiche Werkzeuge und Schmuckstücke von den verschiedenen Grabungsstätten.
Keilförmige Anhänger aus „Grünstein“, Rohlinge von Odsidian und rotes Ockerpulver – Materialien, die allesamt in Malta nicht vorkommen, bezeugen, dass die Inseln nicht isoliert waren. Die Herkunft des Obsidians von den Inseln Pantelleria und Lipari konnte nachgewiesen werden, was Handelsbeziehungen zu diesen Inseln sowie auch zu Sizilien und dem italienischen Festland wahrscheinlich macht.

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Die Ausstellung über die Bronzezeit im Obergeschoss ist nicht weniger bedeutend als die des Neolithikums, steht aber etwas in deren Schatten. Leider ist auch das verfügbare Informationsmaterial – Flyer, Internetpräsentation von Heritage Malta – momentan auf das Neolithikum begrenzt.

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Dagegen ist die kleine Statuette der „Venus von Malta“ sehr realistisch modelliert und weist natürliche Proportionen auf.

Dagegen ist die kleine Statuette der „Venus von Malta“ sehr realistisch modelliert und weist natürliche Proportionen auf.

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Die ältere Tarxien-Friedhofs-Phase wird durch Fundstücke aus dem Brandgräberfeld von Tarxien dokumentiert. Neben den Urnen selbst sind das kleinere Beigabengefäße, die in einigen Fällen Reste von Nahrungsmitteln, Schmuckstücke wie Perlen u.A. enthielten. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die ausschließlich in Gräbern gefundenen Tonfiguren mit ihren eigenartigen Scheibenkörpern, die sich sowohl im Stil als auch in der Technik der Ausführung augenfällig von denen der Tempelkultur unterscheiden. Die bronzenen Axtköpfe und Dolche aus Tarxien sind die ältesten Zeugnisse der Metallnutzung auf den Inseln.
Insgesamt bezeugen der Wechsel der Bestattungsriten, des Stils der Menschendarstellung und das Auftreten von Metall einen Bruch in der kulturellen Entwicklung, der als Indiz für eine Neubesiedlung des maltesischen Archipels nach dem Untergang der Tempelkultur angesehen wird.

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Die jüngere Borg in-Nadur-Phase wird anhand der erforschten Siedlungsplätze dargestellt. Die verschiedenen Typen von Siedlungen wie befestigte Siedlungen (Borg in-Nadur und Bahrija), Höhensiedlung (Nuffara) und Höhlensiedlung (Ghar Mirdum) werden durch Fotos und Pläne veranschaulicht. Originalfundstücke dokumentieren Lebensbereiche wie Nahrungsmittelproduktion, Handwerk (Töpferei und Textilherstellung) u.A.
Ein Raum ist dem Rätsel um die bekannten Karren- bzw. Schleifspuren Maltas, ein weiterer der Verbreitung von Dolmen auf den Inseln gewidmet.

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Das Museum untersteht der staatlichen Museumsverwaltung Heritage Malta.
Auf deren englischsprachiger web-Seite können aktuelle Öffnungszeiten, Preise, Ermäßigungen und auch aktuelle Busverbindungen abgefragt werden.

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Heritage Malta bietet Kombitickets (Valletta Multi Site Ticket) an, die den Besuch mehrerer Museen an einem Tag! zu ermäßigtem Preis anbietet. Die Kombination der Museen wechselt öfter, die Ermäßigung schöpft leider nur aus, wer wirklich alle eingeschlossenen Museen besucht, was in der Praxis irreal, zumindest äußerst anstrengend ist. (z.Bsp. Museum der Schönen Künste, Archäologisches Museum Staatsräume und Waffenkammer des Großmeisterpalastes incl. Audioguides für 20,00 € an einem Tag!)
Andere Ermäßigungen gibt es für Studenten, Rentner, Kinder u.A.

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Anfahrt

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The National Museum of Archaeology
Auberge de Provence
Republic Street
Valletta

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www.heritagemalta.com

 


Quellen: Ausstellung, Heritage Malta