Tempelkultur

Als Megalithkultur werden umgangssprachlich eine Reihe sehr unterschiedlicher Kulturen der Jungsteinzeit bezeichnet, deren gemeinsames Merkmal die Errichtung von Bauwerken aus „großen Steinen“ von meist 15-20 t (manchmal auch bedeutend mehr) Gewicht ist.
Die maltesischen Megalithbauwerke nehmen dabei weltweit eine deutliche Sonderstellung ein. Im Vergleich zu den Hühnenbetten Skandinaviens und Norddeutschlands, den Cairns und Aligments Britanniens und der französischen Küste sind die maltesischen Anlagen sowohl in ihrer Planung als auch in der handwerklichen Ausführung und der noch erkennbaren Ausstattung viel differenzierter.
Die komplizierten Grundrisse mit einer Vielzahl untereinander verbundener aber durch Türanlagen, Fenstersteine und Orthostaten abgetrennten Räume und Nischen, sowie mit Geheimkammern und –treppen entsprechen offensichtlich auch einem differenzierten Kult.

Ggantija-Phase von 3600-3200 v.u.Z.

Diese älteste Periode der maltesischen Tempelkultur wurde nach der Fundstätte von Ggantija als Ggantija-Phase benannt.
Die frühesten maltesischen Megalith-Tempel befinden sich in Skorba (Westtempel, „D“) und Ggantija (Südtempel, „B“). Bis zur Entdeckung der Megalithanlage von Göbekli Tepe in der Türkei galten sie lange als älteste freistehende Bauwerke der Welt, was sogar ins Guinessbuch der Rekorde Eingang fand.
Außerdem wurden in dieser Zeit der Südtempel in Ta’Hagrat („B“) und der Osttempel in Mnajdra („B“) sowie die Schachtgräber der oberen Ebene des Hypogäums von Hal Saflieni gebaut. Von größter Bedeutung sind die Bauten von Borg Gharib in Ghajn Sielem/Gozo, die bisher einzigsten Siedlungsreste der maltesischen Tempelzeit.
Charakteristisch sind Tempel mit 3 bzw. 5 Apsiden, ausgestattet mit Torba-Böden und verputzten Innenwänden. Es gibt Stufenaltäre (Bankaltäre) oder Trilith-Altäre. Zu den Funden gehören Feuersteinwerkzeuge und die typische Ggantija-Keramik mit komplexem Dekor aus geschwungenen Linien und farbigen Schraffuren.

Safliena-Phase von 3200-2800 v.u.Z.

Benannt wurde diese Periode nach dem weltbrühmten Hypogäum von Hal Saflieni, dessen mittlere Haupt-Ebene in dieser Zeit angelegt wurden. Auch das Hypogäum von Gozo wurde in dieser Zeit genutzt.
Außerdem wurde eine Vielzahl weiterer Tempel gebaut, so in Ta’Hagrat (Nordtempel, „C“), Hagar Qim, Skorba (Osttempel, „E“), Mnajdra (Südtempel, „C“) und Tarxien (Osttempel). Sie sind meist mit Trilith-Altären ausgestattet, in Hagar Qim gibt es auch Sockel- bzw. Säulen-Altäre. Besondere Orthostaten, Durchgänge und Altäre sind reich mit Lochdekor verziert.

Tarxien-Phase von 2800-2500 v.u.Z.

Die jüngste Periode der maltesischen Tempelkultur wurde nach der Tempelstätte von Tarxien benannt, dessen Zentraltempel in dieser Zeit errichtet wurde. Weitere Tempelbauten dieser Zeit sind der Nordtempel von Ggantija («C»),Westtempel von Mnajdra («D»), im Hypogäum von Hal Saflieni wurden die untere Etagen (Fundplatz der „schlafenden Dame“) angelegt.
Für diese Zeit ist kunstvolle Steinschnitt-Ausschmückung charakteristisch: sowohl abstrakte, sehr komplexe Spiralmuster als auch realistische Tierreliefs treten auf.
Insgesamt sind auf Malta und Gozo 23 Megalith-Tempel erhalten bzw. dokumentiert. Sechs davon sind gut erforscht, konserviert, teilweise rekonstruiert und als Museumsstätten zugänglich. Einige werden gegenwärtig erforscht, einige sind bereits zerstört oder überbaut (Bugibba, Xewkija) und einige weitgehend unbekannt aber auch ungechützt und somit gefährdet.

 

Ab 2.500 v.u.Z. treten über einen Zeitraum von ca. 500 Jahren keine Besiedlungsspuren mehr auf. Ohne dass es Anzeichen für Kämpfe oder Naturkatastrophen gegeben hätte verschwand die Tempelkultur.
Als Ursache kommen Abwanderung infolge Erschöpfung der Ressourcen (Nahrung, Feuerholz), evtl. auch Seuchen in Frage.

Die ohnehin kargen Ressourcen der Felseninseln waren für den gleichzeitigen Betrieb und die Versorgung so vieler Tempel kaum mehr ausreichend, so dass eine Versorgung von außen durch Handel und Opfergaben wahrscheinlich ist. Die prächtigen, für die damalige Zeit einzigartigen Tempel könnten durchaus ein bedeutendes Kultzentrum gewesen sein, das Pilger und Händler von weither anzog.
Bei einer solchen Abhängigkeit hätte das Wegbleiben der Besucher auch das Aus der Tempelkultur bedeutet.