Hypogäum von Gozo

auch Tal-Qacca Hypogäum, Xaghra-Steinkeis, Brocktorff- Steinkreis, Steinkreis von Gozo (Gozo Stone Circle)

Lage

Auf dem inzwischen brachliegenden Feld Tal-Qacca am Ortsrand von Xaghra auf Gozo, ca. 400 m südwestlich des Ggantija-Tempels
In der Mitte zwischen den beiden Tempelanlagen von Santa Verna und Ggantija am Südrand des Plateaus

Entdeckungs- und Grabungsgeschichte

Bis in die 1820-er Jahre gab es an dieser Stelle einen Steinkreis, in dessen Innerem eingestürzte Schächte bzw. Höhlen erkennbar waren.
Der damalige britische Kommandant Gozos, Colonel John Otto Bayer, führte verschiedene Privatausgrabungen durch, so in Ggantija und 1828/29 im nördlichen Teil des Steinkreises. Entgegen der damals bereits etablierten internationalen Praxis machte er keinerlei schriftliche oder zeichnerische Aufzeichnungen und bewahrte auch keine Funde auf.
Glücklicherweise fertigte der dänische Maler Karl Friedrich von Brocktorff (auch Charles de Brochdorff) vor und während der „Ausgrabung“ einige Zeichnungen und Aquarelle an. Das sind die einzigen Dokumente, die uns das Aussehen der damaligen Anlage zeigen. Sie werden in der Nationalbibliothek in Valletta aufbewahrt.
Das Ausgrabungsgelände wurde im Anschluß verfüllt, der Acker bestellt, die Monolithen des Steinkreises zerkleinert und als Baumaterial verwendet. Der Ort geriet vollständig in Vergessenheit.

In den 1960-er Jahren befasste sich der Xaghraer Forscher Joseph M. Attard-Tabone eingehend mit der Topografie des Gebietes. Anhand der Flurgrenzen, die teilweise noch den Steinsetzungen folgten und auch mit Hilfe der Brockdorff-Aquarelle konnte er die genaue Lage der Stätte definieren. Als das Gebiet in den 1980-er Jahren überbaut werden sollte konnte er das in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Museum verhindern.

In den Sommern zwischen 1987 und 1994 erfolgten umfangreiche gemeinsame Ausgrabung der Universitäten von Malta, Bristol und Cambridge sowie der maltesischen Museumsverwaltung (Maltese Museums Department) unter der Leitung von Anthony Bonanno. Sie umfassten das Gebiet der alten Ausgrabung Bayers sowie südlich und östlich davon.

Nach Beendigung der Ausgrabung wurde das Areal zu seinem Schutz verfüllt und die Bauten so konserviert.
Der oberirdische Teil kann nach Absprache mit der maltesischen Museumsverwaltung Heritage Malta besichtigt werden

Bauten

Felskammergrab der Zebbug-Phase (4.100 – 3.600 v.u.Z.)

Die älteste aufgefundene Struktur ist ein ungestörtes typisches Felskammergrab der Zebbug-Phase. Die Datierung ergab 3.900 v.u.Z. Das Grab besteht aus zwei verbundenen Kammern von ca. 2 m Durchmesser, die durch einen Schacht zugänglich waren. Am Eingang der einen Kammer stand eine kleine, mit einem eingravierten Gesicht verzierte Stele, vor der anderen war eine große, mit rotem Ocker-Pigment gefüllte Triton-Schnecke deponiert. Die Kammern enthielten die Überreste von ca. 60 Menschen sowie reiche Grabbeigaben wie Muschelperlen, diverse Anhänger und Ockergefäße.

Steinkreis

Weitere Grabkammern gehen offensichtlich auf ein natürliches Höhlensystem zurück, das künstlich erweitert und oberirdisch mit einem Steinkreis gekennzeichnet wurde. Dieser muß einen Durchmesser von ca. 40 m gehabt haben, was einem Umfang von ca. 125 m entspricht. Heute sind davon noch 26 lfd. m, bestehend aus einigen Menhiren von ca. 2 m Höhe und 1 m Breite, erhalten. Zwei größere, offensichtlich bearbeitete Menhire bilden den Eingang.

Hypogäum

Ähnlich dem weltberühmten Hypogäum von Hal Saflieni auf Malta bilden die Grabkammern eine ausgedehnte Nekropole, die während der gesamten Tempelkultur genutzt wurde.
Es wurden zahlreiche menschliche Knochen – teils verstreut, teils im anatomischen Verband – gefunden. Die Auswertung des sehr umfangreichen Materials dauert noch an.

Die Datierungen ergaben einen Nutzungshöhepunkt zum Ende der Tempelkultur hin (3.000-2.500 v.u.Z., Tarxien-Phase). Das hat natürlich mit der Erhaltungsdauer organischen Materials zu tun, weist aber sicherlich auch auf eine wachsende Bevölkerung hin und könnte u.U. ein Hinweis auf eine Ursache des kurze Zeit später folgenden Untergangs der Tempelkultur sein.

„Tempel“

Auf einer tiefer gelegenen Ebene im Zentrum der Ausgrabungsfläche, die wohl den Boden einer schon in der Frühzeit eingestürzten Höhle darstellt, konnten Überreste einer Gebäudestruktur festgestellt werden, die als Tempel gedeutet wird. Es handelt sich um fünf nahtlos aneinander gereihte, abwechselnd längs und quer gestellte, zu regelmäßigen Quadern zugehauene Orthostaten. Sie bilden eine leicht gebogene Wand, die Innenseite ist geglättet, auf dem Mittelteil liegt ein analoger Steinblock auf. Unmittelbar anschließend gibt es einige weitere, unregelmäßig angeordnete Orthostaten.
Hier wurden u.A. die berühmten Figurengruppen „Schamanengruppe“ und „Paar auf dem Sofa“ gefunden. Neben einem kleinen, von zwei Orthostaten flankierten Schrein fanden sich menschliche Knochen neben denen von Schafen und Schweinen.

Bronzezeitliche Bauten

Dass die Stätte auch nach dem Untergang der Tempelkultur, wahrscheinlich nach einer Neubesiedlung der Inseln, genutzt wurde, bezeugt eine Fläche von halb vergangenen Lehmziegeln, die Keramikfragmente der bronzezeitlichen Tarxien-Friedhofsphase (2.000-1.500 v.u.Z.) enthielt.

Funde

Überreste von ca. 60 Bestattungen mit Grabbeigaben wie Muschelperlen, axtförmigen Anhängern aus von Sizilien und Italien importiertem Gestein und Knochenanhängern in Form von stilisierten menschlichen Figuren in einem Felskammergrab der Zebbug-Phase (4.100 – 3.600 v.u.Z.). Die Knochen waren mit Rotem Ocker bedeckt, der außerdem in verschiedenen Töpfen und in einer großen Triton-Schnecke deponiert worden war. Außerdem fand man eine kleine Stele mit eingraviertem Gesicht.

 

Zahlreiche Bestattungen (über 200.000 menschliche Knochen teils verstreut, teils im anatomischen Verband), darunter zwei Kinder mit einem Hundewelpen und eine junge Frau mit Neugeborenem, aus allen Phasen der über tausend Jahre andauernden Tempelkultur.
Menschliche und tierische (Schafe, Schweine) Knochen neben einem kleinen Schrein beim „Tempel“, dazu kleine Keramikfiguren, ein Keramiksieb, ein Ockergefäß und ein großes Steingefäß ähnlich dem im Tempel von Tarxien.

 

Steinskulpturen „Schamanengruppe“ : sechs stilisierte menschliche Figuren aus hellem Kalkstein, die sich in ihrer kantigen, flachen Ausführung von den bekannten „korpulenten“ maltesischen Figuren unterscheiden sowie 3 kleinere, eher abstrakte „Köpfe“

Steinskulptur „Paar auf dem Sofa“: zwei der typischen „korpulenten“ maltesischen Figuren auf einem „Sofa“ sitzend. Der helle Kalkstein weist noch Spuren schwarzer, roter und gelber Bemalung auf.

 

Im Hypogäum von Gozo fand man einzigartige Skulpturen wie die "Schamanengruppe" ...

Im Hypogäum von Gozo fand man einzigartige Skulpturen wie die “Schamanengruppe” …

... und das "Paar auf dem Sofa".

… und das “Paar auf dem Sofa”.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keramikfragmente der bronzezeitlichen Tarxien-Friedhofsphase (2.000-1.500 v.u.Z.) in einer Lehmziegelfläche

 

 

Die Stätte untersteht der staatlichen Museumsverwaltung Heritage Malta. Besichtigungen des oberirdischen Teils sind nach Vereinbarung möglich, die über deren englischsprachige web-Seite getroffen werden können.

www.heritagemalta.org

 


Anfahrt

 Xagħra Stone Circle

Triq il-Qaċċa
Xagħra

Koordinaten: 36° 2′ 47″ N, 14° 15′ 54″ O 


Quellen: Museum für Archäologie in Rabat/Gozo, Nationalmuseum für Archäologie in Valletta, Heritage Malta, Gemeinde Xaghra